Veit Stiller

1999 - Sequenzen vom Sprung ins Leben (Katalog)



Zeichnungen haben einen ganz eigenen Reiz. Der erwächst einerseits aus dem meist kleinen, vom Papier vorgegebenen Format, anderseits aus der fassbaren Sinnlichkeit des Materials selbst. Vor allem aber entsteht die Faszination von Zeichnungen aus ihrer Direktheit. Es ist dabei unerheblich, ob sie mit Pinsel, Feder oder Stift ausgeführt wurden. Die Absicht des Künstlers ist auf dem Blatt unmittelbar und spontan wiedergegeben, in einem Guss, kein Strich lässt sich tilgen – jede Art der nachträglichen Bearbeitung ist unmöglich, sei es eine Korrektur an einzelnen Bildelementen oder auch Änderungen in der Komposition. Die Zeichnung ist der konkrete, ungefilterte und unverbesserliche Ausdruck der Gefühle des Künstlers – und somit viel intimer als es ein Gemälde oder gar eine Grafik je sein kann. Und diese Intimität überträgt sich und macht den Betrachter zum Verbündeten des Künstlers, lässt ihn an seiner Seele teilhaben. Gerade das schätzen Liebhaber von Zeichnungen – ebenso wie Künstler, die eine spontane Ausdrucksweise bevorzugen. Zu ihnen gehört auch Helge Leiberg.

 

Ende Februar diesen Jahres stellte er in Berlin eine neue Werkgruppe vor: Phasenbilder. In unmittelbarem Zusammenhang damit steht ein Zyklus von Papierarbeiten, die „Sprungphasen“. Sie sind parallel zu den Phasenbildern entstanden. Diese etwa zwanzig Pinselzeichnungen auf Nepalbütten sind, bei aller Kraft und Dichte, luftige Launen – verspielt und ernsthaft und hintergründig, wie Capricen.

Zunächst ist es jedoch nötig, ein paar Worte zu den Phasenbildern zu sagen, die eine Etappe im Schaffen von Helge Leiberg markieren. Die Bewegung als Abbild innerer Vorgänge war schon immer sein Thema. Er hat auf verschiedensten Wegen versucht, es zu bewältigen: in Filmen, bei Performances, in seinen Bildern. Aber immer konnte er nur einzelne Aspekte im Bewegungsablauf festhalten., Momentaufnahmen. In den Phasenbildern fließt das ganze bisherige Schaffen Leibergs zusammen: er hat die eingefrorenen Augenblicke aneinander gereiht und jeden in sein Kästchen verpackt. So entsteht der Eindruck von Filmstreifen. Diese sind in den Bildern noch übereinander gestaffelt, zu einer Art Schachbrett. Die Darstellung eines Bewegungsablaufes kann man nun auf verschiedene Art lesen: fortlaufend, senkrecht, diagonal oder auch im Rösselsprung. Die Lesung lässt sich unendlich fortsetzen oder beliebig abbrechen und neu beginnen – und jedes Mal erfährt man dabei eine andere Geschichte.

 

Diese Bilder sind natürlich auf einer künstlerischen Idee gegründet, die aus langer Beschäftigung mit dem Thema resultiert – sie zu realisieren erforderte hohe Konzentration und eiserne Disziplin, aber auch nie versiegende Frische. Spontaneität lässt sich aber nicht konservieren. Es ist also nur folgerichtig, dass parallel zu dieser selbstgewählten Aufgabe ein anderes entstand. Und das ist keinesfalls gering zu schätzen. Der zyklus der „Sprungphasen“ ist frei von kompositorischen Zwängen entstanden, aus reiner Lust und Laune heraus, aber in enger Verwandtschaft zu den Phasenbildern. Auch wenn die frei entstandenen Blätter auf den ersten flüchtigen Blick als ein Rückgriff auf die eingefrorenen Augenblicke erscheinen, ist es gut denkbar, das dieser Schritt zurück der erste voraus ist, über die Phasenbilder hinaus. Aber das ist Orakel.

 

Sprungphase – das klingt zunächst nach verschiedenen Phasen eines Sprunges; nach Ansehen meint man jedoch, es handle sich um ganz unterschiedliche Momente in vielerlei Sprüngen – und zuweilen ist der Sprung auch schon mal im übertragenen Sinne gemeint. Das gibt Rätsel auf, und gerade das will nicht so recht zu Helge Leiberg passen – er ist in seiner Darstellung viel zu ehrlich, spontan und direkt als dass da etwas in die Bilder hinein zu geheimnissen wäre. Was also ist die Sprungphase wirklich?

 

Ein Bekenntnis. Eine vorbehaltlose Liebeserklärung an das Leben. Wo auch immer man beginnt, die Blätter zu lesen – bei dem in seiner einsamen Erregung linkisch wirkenden Mann, bei einer der ekstatisch ausufernden Vereinigungen, oder bei dem von Sehnsüchten und Visionen überlagerten und fast unkenntlich gewordenen Männergesicht – immer erlebt man eine Geschichte. Es ist die ständig gleiche, ewig sich wiederholende Geschichte von Mann und Frau, ihrem Werben und Lieben. Und je nachdem, wo man mit Betrachtung und Deutung beginnt, entwickelt sich die Geschichte. Es sind keine geheimnisvoll hinter- oder gar abgründigen Episoden, sondern nur das Leben pur, so wie es jeder kennt – aber da war es selten so schön, wie auf den Blättern der Sprungphase. Diese sind also, zusammen genommen, auch ein Phasenbild: nicht das einzelne Blatt erzählt die Geschichte, sondern alle zusammen. Sequenzen vom Sprung ins Leben – vorbehaltlos leben ist ein Sprung ins Ungewisse: das schönste Märchen der Welt.

 

Wie auch immer, spätestens hier ist es nötig, ein paar Worte über die Technik Leibergs zu sagen. Seine Figuren sind zeichenhaft. Eine Gratwanderung zwischen Verdichtung und Sinnlichkeit. Das war schon immer Leibergs erklärte Absicht – ein Aufenthalt in China und dort die Beschäftigung mit der Tradition der Schriftkunst wirkten wie ein Katalysator. In Asien gilt die „Schreibkunst“ als Krönung der künstlerischen Darstellung. Das ist in Korea, Japan und China gleich, auch wenn es zu unterschiedlichen Ergebnissen führt. Leiberg erfuhr die chinesische Variante. Sie traf genau den Nerv seiner Absichten. Die Begegnung mit chinesischen Schriftkünstlern bestätigte ihn in seiner Vorliebe für Zweifarbigkeit (schwarz-weiß) – die gilt als Hohe Schule der Verinnerlichung. Das mit dem Pinsel aufs Papier gebrachte Zeichen soll nicht nur einen Silbenwert wiedergeben, sondern auch die damit verbundene Sinnlichkeit ausdrücken. Und das tun Leibergs Pinselzeichnungen beispielhaft. Er wirft den Quast aufs Papier, dass er sich mit Spritzern eine Aura aus Farbe schafft, und führt von da aus die Linie. Die Bilder bekommen si ihre urwüchsige Kraft, die jede Bewegung als leidenschaftlichen Tanz erscheinen lässt, oder als Kampf. Nichts ist restlos ausgeformt, alles bleibt im Fluss, Leiberg vertraut völlig auf seine Eingebung, bezieht den Zufall ein – das ist so spontan und aufregend wie das Leben selbst. Es liegt beim Betrachter, das nachzuvollziehen – Helge leiberg hat sein Angebot gemacht...

Berlin, Mai 1999

Für: Katalog „Sprungphase“, Sonneberg 1999

 

 

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